Amputierten-Fußball 21.10.2026 - 14:30 Uhr
Das Champions-League-Halbfinale als Ziel
Amputierten Fußballer reisen nach Italien: Vizemeisterschaft, Premiere im Format sieben gegen sieben und der Alltag als einzige Spielerin der Liga - Nicola Roos im Interview

Zwei Jahre in Folge reckten die Amputiertenfußballer des 1. FSV Mainz 05 die Meisterschale in die Höhe, in diesem Jahr reichte es nur zu Rang zwei. Das Ticket für Europa haben die 05ER trotzdem gelöst, denn es stammt noch aus dem Titeljahr 2025. Von Freitag bis Sonntag tritt das Team von Cheftrainer Jürgen Menger bei der Champions League im italienischen Fano an (alle Spiele live auf YouTube). Mittendrin steht Nicola Roos. Die 20-Jährige trägt seit 2023 das Trikot des FSV und ist in ganz Deutschland die einzige Frau, die im organisierten Amputiertenfußball auf Torejagd geht.
"Fühlt sich nicht ganz rund an"
Vor rund zwei Wochen fand der Abschlussspieltag der diesjährigen Bundesligasaison in Sinsheim statt. Mit der letztendlichen Vizemeisterschaft hadert Roos noch ein wenig: "Nach zwei Titeln in Serie fühlt sich Platz zwei nicht ganz rund an. Fairerweise gehört aber dazu: Uerdingen hat die stärkere Saison gespielt und den Titel verdient geholt.“ Dabei mangelte es nicht an Ideen, dafür umso häufiger an der Effizienz: "Wir hatten gute Ansätze und gelungene Spielzüge, vor dem Tor waren wir aber nicht konsequent genug“, analysiert die Mainzerin.
Hinzu kam eine Umstellung, die alle vier Teams betraf. Erstmals spielte die Liga sieben gegen sieben, zuvor standen sie sich im fünf gegen fünf Format gegenüber: "Wir haben viel getestet und am Ende eine Formation gefunden, die zu uns passt. Darauf bauen wir jetzt auf und müssen aus unseren Fehlern lernen.“ Ihren Höhepunkt hob sich die 20-Jährige bis zum Schluss auf. Im Saisonfinale fertigten die 05ER den HSV mit 6:1 ab, Roos traf doppelt. "Schöner geht es für mich kaum.“

"Die Jungs haben mich herzlich aufgenommen“
Ob in Mainz oder auf europäischer Bühne: Roos ist es gewohnt, als einzige Spielerin auf dem Feld zu stehen. Schon bei der Champions League 2025 in der türkischen Hauptstadt Ankara war sie die einzige Frau im gesamten Teilnehmerfeld. Im Team spielt das keine Rolle: "Innerhalb der Mannschaft spüre ich keinen Unterschied. Die Jungs haben mich herzlich aufgenommen, ich fühle mich rundum integriert.“ Auf dem Rasen sieht das jedoch anders aus: Vor allem seien die physischen Unterschiede zu spüren. Am Gesamtbild ändert das für sie wenig, ihren Alltag empfindet sie als völlig normal. Andere Spielerinnen trifft Roos einmal im Jahr. Fußballerinnen aus Europa, Asien und Südamerika reisen dazu zu einem gemeinsamen Camp an - für Roos ein Highlight der Saison: "Die Mädels wiederzusehen, hat riesigen Spaß gemacht, die Stimmung war herrlich.“
Genau hier liegt ihr größter Wunsch an Verband und Verein: "Ich wünsche mir mehr Frauen in unserem Sport. Obwohl ich schon eine ganze Weile dabei bin, habe ich bisher keine einzige Mitstreiterin für Mainz gewinnen können.“ Bei internationalen Turnieren erlebt sie das Gegenteil: "Dort sehe ich Teams, die mit einer eigenen Frauenmannschaft anreisen. Das frustriert mich schon.“
"Die Gruppe ist machbar“
In Fano starten die 05ER zum zweiten Mal in Serie in der Königsklasse. Bei ihrer Premiere im Frühsommer 2025 in Ankara verpasste die Mannschaft das Halbfinale erst im entscheidenden Gruppenspiel und landete am Ende auf Rang sieben. Diesmal soll die Endrunde her: "Wir freuen uns riesig auf das Turnier. Unsere Gruppe ist stark, aber aus meiner Sicht machbar. Unter die besten Zwei zu kommen und ins Halbfinale einzuziehen, ist unser großes Ziel.“
Zuversicht zieht sie vor allem aus dem Zusammenhalt: "Wir haben einen starken Kern. Unsere beiden Neuzugänge haben sich prima eingefügt und weiterentwickelt, auf und neben dem Platz sind wir eine Truppe von Freunden.“ Für sich selbst hat Roos ein klares Ziel: ihr erstes Tor auf europäischer Bühne und insgeheim schielt sie noch ein Stück weiter nach oben: "Mit einem Auge schauen wir vielleicht sogar Richtung Podest.“








