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Verein 10.06.2026 - 16:00 Uhr

Zweitliga-Rückzug 1976: "Machen uns keine Illusionen"

Heute vor 50 Jahren entschied sich der FSV aus freien Stücken für eine Rückkehr in den Amateurfußball vorangegangen war eine für viele Klubs fatale Fehlentscheidung seitens des DFB

Der 05-Kader der Saison 1975/76 - Hinten: Schwickert, Hohenwarter, Nickel, Ritz, Scheller, Richter, Köstler, Zahn. Mitte: Rybarczyk, Koppenhöfer, Bold, Spiegler, Göppl, Hupp, Trainer Menne. Vorne: März, Lutz, Orben, Klier.

Vor genau 50 Jahren erschütterte ein Schlag den Mainzer Sport und den deutschen Fußball. Am 10. Juni 1976, zwei Tage vor Saisonende, verkündete der 1. FSV Mainz 05, der Zehnte der 2. Bundesliga Süd und drei Jahre zuvor noch als Südwestmeister kurz vor dem Aufstieg in die Bundesliga, künftig im Amateurfußball antreten zu wollen. Zum ersten Mal zog sich ein etablierter Verein freiwillig aus dem deutschen Profifußball zurück. "Wir können es bei der gegebenen finanziellen Situation nicht verantworten, die Lizenz zu beantragen", erklärte Verwaltungsratschef und Oberbürgermeister Jockel Fuchs den Rückzug des Vereins. Für den war es der Auftakt zu zwölf Jahren Amateursport, für den deutschen Fußball der Anfang vom Ende einer Fehlkonstruktion.

Kurzer Rückblick: 1974 erst hatte die in Nord und Süd aufgeteilte 2. Bundesliga die fünfgleisige Regionalliga als Unterbau der Bundesliga abgelöst. Mainz 05 war mit 2:0 gegen Bayern Hof gestartet, es folgten ein 0:3 beim 1. FC Nürnberg, ein 1:1 gegen Chio Waldhof (Namenssponsoring gab es in den 70ern hier und da), ein 3:1 beim TSV München 1860, Platz 11 von 20 in der ersten, Platz 12 von 20 nach dem letzten Spiel der zweiten Saison.

Spektakuläres Torverhältnis, sinkender Zuschauerschnitt

Und jene Saison 1975/76 war wild gewesen. Auch dank der Torjäger Gerd Klier (16), Sigi Köstler (13), Werner Nickel und Erwin Hohenwarter (beide 12) hatten die Mainzer die beste Offensive der Liga - 81 Tore. Mit 92 Gegentoren aber auch die zweitschlechteste Defensive vor dem Tabellenletzten Reutlingen (95). Bloß bekam kaum jemand diese Spektakel mit. 8000 oder mehr Zuschauer gegen Darmstadt, Nürnberg und Saarbrücken in den ersten Wochen der Saison waren den Gegnern und deren Anhang geschuldet. Über die Saison gerechnet pendelte sich der Zuschauerschnitt bei gut 3.500 pro Heimspiel ein. Und das war viel zu wenig.

Der DFB hatte die Attraktivität einer 2. Liga vollkommen überschätzt. Selbst die große Bundesliga hatte in ihrem zwölften Jahr Schwierigkeiten, die Stadien zu füllen. Borussia Mönchengladbach wurde 1975 Deutscher Meister vor durchschnittlich 20.033 Zuschauern, Titelverteidiger Bayern lockte im Schnitt nur 34.000 ins riesige Olympiastadion, neun von 18 Bundesligisten blieben unter der 20.000er-Marke. Die neuen WM-Stadien waren kein Anreiz, der Ruf des Fußballs so kurz nach dem Bestechungsskandal um Arminia Bielefeld im 1971er-Abstiegskampf noch schwer lädiert. Man hatte gehofft, eine zweite Bundesliga zu schaffen, aber es stellte sich heraus, dass man mit Spielen wie Mainz gegen Bayreuth, Völklingen gegen Regensburg oder im Norden Erkenschwick gegen Reinickendorf keine Massen mobilisieren konnte.

05-Präsident Werner Höllein rechnete schon im Oktober in den Vereinsnachrichten vor: "32 der insgesamt 40 Vereine in den Zweiten Ligen Süd und Nord haben nach den ersten sechs Spieltagen das wirtschaftliche Soll bei weitem nicht erreicht. Zu dieser Mehrheit gehört leider auch Mainz 05. Die von unseren Finanzfachleuten aufgestellte Kalkulation, daß man nur mit 8.000 zahlenden Zuschauern pro Heimspiel (...) wirtschaftlich überleben könne, war richtig. Bisher sind wir hínter diesen Zahlen erheblich zurückgeblieben." Immerhin insgesamt 20.000 Zuschauer hatten in drei Spielen Eintrittspreise zwischen DM 5,00 (Stehplatz ermäßigt) bis DM 15,00 (Sitzplatz Vollzahler) gezahlt - DM 8,00 entsprachen seinerzeit der Arbeitsstunde eines Facharbeiters -, freilich waren etliche Waldhöfer und Karlsruher unter ihnen. Gegen Fürth, Bayreuth, Worms kamen im Winter 8.000 Zuschauer - insgesamt. Der Schnitt von am Ende 4.553 Zuschauern entsprach mehr oder weniger dem der Vorjahre in der Regionalliga.

"32 der insgesamt 40 Vereine in den Zweiten Ligen Süd und Nord haben nach den ersten sechs Spieltagen das wirtschaftliche Soll bei weitem nicht erreicht"

Der FSV entwickelte daraufhin Fantasie und gründete Anfang 1976 den "Club der Freunde von Mainz 05", dessen Zweck "die Unterstützung des Vereins in verschiedenen Bereichen" war - Mitglied war jeder, der eine oder mehrere Anstecknadeln zum gestaffelten Preis von DM 10, 100 oder 1000 erwarb. Die Resonanz war "keinesfalls berauschend", bilanzierte Höllein, und: "Die angespannte finanzielle Lage hat sich nicht verändert. (...) Auf der Einnahmenseite herrscht, soweit damit die Zuschauer anzusprechen sind, weitgehend Ebbe. Wir sind nach wie vor weit davon entfernt, kostendeckend arbeiten zu können. Und wegen der kommenden Heimspiele der Lizenzfußballer machen wir uns keine Illusionen."

DFB reagiert spät

Das Desinteresse der Mainzer am Zweitligafußball war freilich nicht der einzige Faktor. Die Mannschaft war schlicht viel zu teuer. Aus der eingeschworenen 1973er-Südwestmeistermannschaft um Willi Löhr hatten sich einzelne Spieler bereits zurückgezogen, der legendäre Teamgeist dieser Generation war durch teure Individualisten verwässert worden. Im März machten die 05ER in den Vereinsnachrichten erstmals Zahlen publik: Zuschauereinnahmen: DM 268.000. Schulden: DM 600.000. Handgeld-Forderungen der Spieler für Vertragsverlängerungen: DM 606.000. Die Entscheidung über den Lizenzantrag zur Saison 1976/77 wurde immer wieder vertagt, auf April, dann auf Mai (Entscheidung: Ja). Und am 10. Juni, heute vor 50 Jahren, schließlich: Doch nicht.

Die Zaghaftigkeit des FSV bemerkten auch die Konkurrenten. "Dabei fanden wir völlig unerwartet auch die Zustimmung zahlreicher Vereinsvorstände aus den 2. Ligen Nord und Süd", schrieb Höllein in der April-Ausgabe der Vereinsnachrichten. "In anderen Vereinen ist die Situation nämlich nicht wesentlich anders, in manchen sogar erheblich schlechter, als bei uns." Tatsächlich waren die Rheinhessen lediglich die Ersten, die sich zurückzogen. 1977 gab Völklingen auf, verlor Bonn die Lizenz, verzichteten die Absteiger Göttingen und Wacker Berlin aufs Nachrücken. 1979 bekam St. Pauli keine Lizenz. 1980 verzichtete Wanne-Eickel auf den Lizenzantrag. Und 1981 korrigierte der DFB die Fehlkonstruktion, legte die beiden Staffeln zusammen, reduzierte die 2. Bundesliga auf 20 Vereine - und das wurde nun wirklich ein Erfolgsmodell.

Trennung von Blendax & Rückkehr in Liga zwei 1988

Höllein erklärte im Juli 1976 die Hintergründe des Rückzugs. Potenzielle Sponsoren - erstmals hätte es bei Mainz 05 Trikotwerbung geben können - verlangten Garantien wie einen Zuschauerschnitt von über 5.000, die die 05ER nicht geben konnten. Und: "Wir alle wissen ja, dass ein Verein im Lizenzfußball nur unter zwei Voraussetzungen leben kann: 1. Wirtschaftliche Unabhängigkeit infolge hoher Einnahmen aus Heimspielen. 2. Ersatz der nicht eingenommenen, aber dringend erforderlichen Mittel durch ständige Zuschüsse seitens eines Mäzens. Für Mainz 05 (...) kam erfahrungsgemäß nur die zweite Möglichkeit in Betracht." Die in Mainz aber nicht erfüllt werden konnte. Emil Enderle, Hölleins Vorgänger als 05-Präsident und wohlhabender Teilhaber der Moguntia-Gewürzmühle, im Amt verstorben im November 1970, hatte in den 1960ern immer wieder mit privaten Spenden Finanzlöcher gestopft. "Nach seinem Tod war der Verein im Grunde pleite", erklärte der damalige Verwaltungsrat Wolfgang Strutz 30 Jahre später in der anlässlich des 100-jährigen Bestehens veröffentlichten Vereinschronik. Den Höhenflug der 70er ermöglichte die von Jockel Fuchs überredete Luci von Rautenkranz, Inhaberin des Zahnpastaherstellers Blendax. "Das war kein Sponsoring, sondern Mäzenatentum", erklärte Strutz, "das konnte nicht gut gehen." Im Spannungsfeld zwischen frühem Profifußball und altmodischem Vorstandsidealismus musste Blendax immer wieder Unterdeckungen ausgleichen - schließlich zog der Konzern die Notbremse mit einem einfachen Deal: Keine teuren Vertragsverlängerungen, Rückzug aus dem Profifußball, als Gegenleistung letztmalig weitgehende Übernahme der Schulden. Und Neuaufbau im Amateurfußball ohne Blendax.

Die Mainzer landeten in der Amateurliga - vergleichbar mit der heutigen Verbandsliga. 1978 verpassten sie erstmals als Südwestmeister in der Aufstiegsrunde die Rückkehr in den Profifußball, qualifizierten sich aber für die neue Oberliga. Die erneute Meisterschaft 1981 war wertlos, wegen der erwähnten Reduzierung der 2. Liga stieg in jenem Sommer überhaupt niemand auf. Der Deutschen Amateurmeisterschaft 1982 folgte nach wenigen Wochen der nächste Zusammenbruch - der FSV war einem Betrüger auf den Leim gegangen, hatten in großem Stil veruntreutes Geld ausgegeben, der Etat platzte. 1988 erst spielten sie ihr 77. Zweitligaspiel. 676 sind es nun insgesamt, das letzte 2009 gegen Oberhausen, eine Zahl, die Mainz 05 im April im Oberhaus gegen die Bayern überboten hat. Nach nunmehr 680 Bundesligaspielen lässt sich sagen: Mainz 05 hat seit der Grundüng der 2. Liga den größeren Teil seiner Geschichte in der Bundesliga verbracht und die Lizenz ist 50 Jahre nach der Rückgabe so stabil wie nie zuvor.