Profis 04.02.2026 - 18:30 Uhr
Bell: "So ist auch mein Charakter"
300 Bundesligaspiele für Mainz 05: Der 34-Jährige ist 05-Legende, Routinier und immer noch gefragt auf dem Platz. Warum der FSV als Verein genau richtig für ihn ist, wer ihn noch überholen könnte und warum es aktuell besser läuft im Abstiegskampf, hat er im Interview erzählt

Als Stefan Bell im Dezember 2012 sein Bundesliga-Debüt für den 1. FSV Mainz 05 in der MEWA ARENA gegen Hannover 96 gab, war Kacper Potulski gerade mal fünf Jahre alt. Am vergangenen Wochenende, beim 2:1-Erfolg in Leipzig, verteidigten die beiden Seite an Seite. Für Bell war es so oder so ein besonderes Spiel, denn der 34-Jährige lief zum 300. Mal für die 05ER in der Bundesliga auf. Über die außergewöhnliche Rekordmarke, warum Mainz 05 genau der richtige Verein für ihn ist, die aktuelle Lage im Abstiegskampf und das Fastnachtsheimspiel gegen Augsburg am Samstag (15:30 Uhr, live auf Sky, DAZN & 05ER.fm) haben wir mit ihm gesprochen.
Hallo Stefan, zehn Punkte haben wir aus den ersten fünf Spielen in diesem Jahr mitgenommen. Warum läuft es aktuell besser als in der ersten Saisonhälfte?
"Taktisch machen wir es gut, die einzelnen Spieler haben wieder eine bessere Form und mehr Selbstvertrauen als in der Hinrunde. Wir machen in den richtigen Momenten die Tore, sind öfter in Führung gegangen. Wir spielen unser Spiel ergebnisunabhängig. Das war gegen Union und Heidenheim in der zweiten Halbzeit noch nicht der Fall. In den letzten Spielen haben wir unseren Plan immer durchgezogen, unabhängig davon, ob wir einen Elfmeter verschießen, große Chancen vergeben oder in Rückstand geraten."
Wie gegen Leipzig und Wolfsburg.
"In dieser Hinsicht sind wir momentan stabil. In Leipzig waren wir besser, kriegen dann den Rückstand aus dem Nichts, aber machen einfach weiter. Wir haben eine Sicherheit auf dem Platz, viele Offensivaktionen und spielen uns Chancen heraus. In Phasen haben wir inzwischen auch etwas Ballbesitz. In Kombination mit der defensiven Stabilität ist das gut. Die Kunst ist, die Mischung zu finden aus allem. Daran arbeiten wir und sind auf einem guten Weg."
Welche Rolle spielt die mentale Komponente?
"Wir hatten in der Hinrunde eine Phase, in der wenig lief und man das Gefühl hatte, dass viel zusammenkommen muss, damit wir uns Chancen herausspielen und Tore schießen. Wir sind Woche für Woche in Rückstand geraten und uns haben einfach die Chancen gefehlt. Das beschäftigt einen dann schon ein bisschen im Kopf. Im Moment sieht man den Anfang vom Gegenteil. Aber man sieht auch, obwohl wir zehn Punkte geholt haben, wo wir in der Tabelle stehen. Wir haben den Rückstand aufgeholt, sind aber noch lange nicht am Ziel."
In der Winterpause sind vier neue Spieler zum Kader gestoßen. Was geben uns die Jungs auf und außerhalb des Platzes?
"Alle vier sind gestandene und erfahrene Profis auf gutem Niveau, die auch die Bundesliga kennen. Es ist ein Vorteil bei Wintertransfers, die ja direkt helfen und funktionieren sollen, dass man weiß, was man bekommt. Alle bringen uns auf ihren Positionen und ihren Qualitäten weiter, das hat man sofort gesehen."
Der Auswärtssieg in Leipzig war für dich nicht nur aufgrund des Sieges ein außergewöhnliches Spiel, es war das 300. für dich mit Mainz 05 in der Bundesliga.
"Das ist wirklich etwas Besonderes. Es war ja nicht so, dass ich zehn Jahre am Stück durchgespielt und die 300 erreicht habe. Vor allem in den letzten sechs, sieben Jahren hatte ich auch ziemliche Rückschläge aus gesundheitlichen Gründen. Dass ich trotzdem die Einsätze immer wieder gesammelt habe, auch in dieser Saison, ist sehr schön."
Hättest du dir zu Beginn deiner Laufbahn vorstellen können, sie komplett bei einem Verein zu verbringen?
"So weit kann man im Profisport nicht planen. Da schaut man eher in ein, zwei Jahreszeiträumen. Am Anfang meiner Karriere ging es für mich darum, in der zweiten Liga Erfahrungen zu sammeln und dann in den ersten Jahren hier in Mainz überhaupt mal hochzukommen. Das war schwer genug und darauf lag der Fokus. Als ich bei den Profis debütiert, die Chance genutzt und mich das erste Mal festgespielt hatte, war die Herausforderung, in der Mannschaft zu bleiben. Es kommt ständig Konkurrenz dazu, man muss das Niveau mindestens halten und den Platz immer wieder verteidigen."
Wie hast du es geschafft, das Niveau über all die Jahre zu halten?
"Es ist wichtig, flexibel zu bleiben, sich nicht zu weit auf irgendeine Spielweise festzulegen und sich an Trainer und neue Mitspieler anpassen zu können – und das, ohne sich selbst zu verlieren – auch dann, wenn man schon lange dabei ist und viel Erfahrung hat."
Inwiefern hat sich der Fußball seit deinem Debüt im Dezember 2012 verändert?
"Es gibt viel mehr Gegner-Vorbereitung als damals. Dadurch sind die Mannschaften taktisch variabler geworden. Mittlerweile passt man sich noch mehr an die jeweiligen Gegner an. Natürlich ist der Fußball auch athletischer geworden. Es wird individualisierter trainiert, die Daten werden aufgezeichnet und das Training entsprechend angepasst."
Und abseits des Platzes?
"Die sozialen Medien nehmen mittlerweile einen großen Teil der Aufmerksamkeit ein. Davon bekomme ich persönlich nicht so viel mit, aber es ist natürlich großer Unterschied, auch für die Spieler. Es ist schwerer, einen klaren Kopf zu behalten, weil es mehr Ablenkung gibt."
Bundesliga-Debüt vor über 13 Jahren: Stefan Bell (4. v. li.) im Dezember 2012 nach dem 2:1-Sieg gegen Hannover 96.
Warum war und ist Mainz 05 genau der richtige Verein für dich, seit du 2015 aus Mayen in die U17 gewechselt bist?
"Die Grundphilosophie des Vereins basiert auf nachhaltiger Entwicklung und Beständigkeit, verbunden mit einer ruhigen Arbeitsweise, die in schwierigen Situationen dafür sorgt, dass niemand verrückt wird. So ist auch mein Charakter. Ein wichtiger Faktor ist, dass ich mit 15 schon nach Mainz gekommen bin. Ich habe hier mein Abitur gemacht, war auf der Schule, habe dadurch einen Freundeskreis aufgebaut, der außerhalb des Fußballs liegt. Das gibt mir zusätzliche Stabilität. Die Grenze, zu einem anderen Klub zu wechseln, war immer hoch. Ich hatte und habe hier vieles, das ich zu schätzen weiß."
Robin Zentner hat aktuell 207 Bundesligaspiele für Mainz 05 absolviert. Könnte er dich noch überholen?
"Robin ist ein guter Kandidat, als Torwart kann man vielleicht nochmal länger spielen, was das Alter betrifft. Wenn er durchzieht, könnte das passieren. Ich versuche, die Latte ein bisschen höher zu legen. Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn mich jemand übertrifft in den nächsten Jahren, weil das vor allem bedeuten würde, dass wir die Bundesliga gehalten haben. Das ist das Besondere an solch einem Rekord, der zeigt, dass sehr viele Leute hier gut gearbeitet haben und wir immer in der Bundesliga waren, sonst geht das nicht."
Am Samstag steht das Fastnachtsheimspiel gegen Augsburg an. Was erwartest du?
"Das wird ein spannendes Spiel, denke ich. Wir haben in der Hinrunde in Augsburg gewonnen. Damals stand aber noch ein anderer Trainer bei ihnen an der Seitenlinie. Deshalb erwartet uns ein anderer Gegner, wahrscheinlich mit einer anderen Spielweise. Sie haben sich punktemäßig stabilisiert in den letzten Wochen. Wir werden vielleicht ein bisschen mehr Ballbesitz bekommen als in Leipzig, aber der Auftrag ist klar. Wir wollen weiter Druck machen in der Tabelle und einen weiteren Sieg nachlegen."
In der fünften Jahreszeit doppelt schön!
"Das ist die Verpflichtung hier. Mit Erfolgserlebnissen in dieser Zeit wollen wir die Stimmung in der ganzen Stadt noch weiter anheben."


