Profis 14.08.2020 — 10:00 Uhr

"Ich ziehe den Hut vor ihm"

Heute vor 16 Jahren sicherte Antonio da Silva mit seinen zwei Toren gegen den HSV den ersten 05-Sieg in der Bundesliga

Binnen drei Minuten tütete Joker da Silva den ersten Bundesliga-Dreier der Vereinsgeschichte am Bruchweg ein.

14. August 2004. Ein Datum, das in der Chronik des 1. FSV Mainz 05 einen festen Platz hat: Heute vor 16 Jahren gab's das erste Bundesliga-Heimspiel des Vereins und gleich den ersten Sieg in der höchsten deutschen Spielklasse für den damaligen Aufsteiger. Ein umjubeltes 2:1 (0:1) gegen den Hamburger SV durch zwei Tore von Antonio da Silva. In einer Partie, in der zunächst Zweifel aufgekommen waren, ob das Team von Jürgen Klopp in der Liga würde bestehen können. Es konnte.

Auf der Haupttribüne war schnell Ernüchterung eingekehrt bei den 05-Anhängern. Wegwerfende Handbewegungen und Hoffnungslosigkeit signalisierende Sprüche. Diskussionen. Die einhellige Meinung: In dieser Form ist Mainz 05 chancenlos in der Liga. Der Klub, der es nach zwei dramatisch gescheiterten Versuchen endlich nach oben geschafft hatte, würde sich nach Ansicht der Zuschauer am Ende wohl oder übel mit dem olympischen Motto begnügen müssen: "Dabei sein ist alles".

Kloppo auf der Pressekonferenz nach dem Sieg über den HSV.

Laufvermögen, Kampfgeist, Pressing und Behauptungswillen

Nach der 2:4-Niederlage zum Auftakt beim VfB Stuttgart lief beim Klopp-Team gegen den routinierten und erstklassig besetzten HSV in der ersten Hälfte gar nichts zusammen. "Keine Ordnung. Keine Zweikämpfe. Lauferei und Pressingversuche ohne Überzeugung. Keine Bereitschaft, den Ball zu fordern. Fehlpässe. Kein Mut im Offensivspiel - lediglich eine vage Torchance", zählte die Mainzer Rhein-Zeitung später die Mängel auf. Nach dem Abpfiff war die Bewertung der Medien allerdings eine komplett andere: "Eine schöne Momentaufnahme mit der noch wichtigeren Perspektive, dass diese Mannschaft in der Eliteliga mithalten kann, wenn die 05-Profis selbstbewusst ihre bekannten Stärken einsetzen: Laufvermögen, Kampfgeist, Pressing und Behauptungswillen." An dieser Einschätzung hat sich auch 16 Jahre später absolut nichts geändert.

…dann können wir auch Fußball spielen

Was aber war passiert? Klopp ("bis zur Halbzeit haben wir nichts angeboten, gar nichts") löste in der Pause das nicht funktionierende 4-3-3-System auf, das drei Jahre lang in der Zweiten Liga wirkungsvoll zum Erfolg geführt hatte. Der 05-Trainer stellte um auf ein kompakteres 4-4-2. Und das Spiel änderte sich komplett. Im selben Maße wie die Mainzer ihre Zweikampfquote verbesserten, ihr Pressing nach vorne schoben, Kontrolle schufen und mehr und mehr gute Angriffsaktionen starteten, verlor der HSV seine Souveränität, seine Ballsicherheit, seine taktische Ordnung. "Wenn wir uns hier schon am Samstagnachmittag mit gepackten Taschen treffen, dann können wir auch Fußball spielen", habe er seinem  Team in der Kabine gesagt, erzählte Klopp später. Ein Satz, den der aktuelle Welttrainer vom FC Liverpool bis heute in seinem Repertoire hat.

Die heutige 05-Legende wechselte kurz vor der Pause den Matchwinner ein. Antonio da Silva, eine Woche zuvor in Stuttgart noch so etwas wie der Sündenbock und heftig kritisiert, weil der Brasilianer trotz Krankheit gespielt hatte (und das eher schlecht), kam für den angeschlagenen Flügelspieler Markus Dworrak. Binnen acht Minuten verwandelte der Offensivtechniker den 0:1 Rückstand (van Buyten) in eine 2:1-Führung. Zuerst verwertete er den Rückpass des starken Fabian Gerber mit sattem Rechtsschuss zum Ausgleich, dann bugsierte er zwei Minuten später die Bogenlampen-Flanke von Robert Nikolic mit links ins lange Eck. Der HSV hatte anschließend nicht mehr viel entgegenzusetzen.

Bildergalerie: Bundesliga-Premiere am Bruchweg

 

Hexenkessel Bruchwegstadion

"Ich habe dem Trainer alles zurückgegeben, was er mir mit meiner Einwechselung an Vertrauen gegeben hat", sagte der strahlende Doppelpacker, der rund anderthalb Jahre zuvor noch beim SV Wehen gespielt hatte. Und Klopp antwortete: "Ich ziehe den Hut vor ihm."

Die beiden Tore von Toni da Silva und die Besinnung auf die Tugenden und Stärken, die das Team unter Klopp über drei Jahre hinweg erarbeitet hatte, waren die Basis dafür, dass die Mainzer in ihrer ersten Bundesligasaison insgesamt 43 Punkte einsammelten. In dieser zweiten Halbzeit gegen den HSV begann sich auch der Ruf des Bruchwegstadions als Hexenkessel, als für den Gegner extrem unangenehm zu bespielendes Stadion, zu zementieren. "Das anfängliche Partygehabe wich einer heißblütigen Fußballstimmung", schrieb die Rhein-Zeitung. Eine Stimmung, die viele Jahre lang das Markenzeichen der 05ER am Bruchweg darstellte. "Da haben die Leute jeden Pressball, jeden von uns gewonnen Zweikampf gefeiert wie ein Tor", sagte Klopp nachher. "Genauso wollen wir das haben."

 

Erstklassige Humba-Premiere

Da Silva, der schon in der Aufstiegssaison ein wichtiger Faktor im Klopp-Team gewesen war, absolvierte als Stammspieler insgesamt 65 Bundesligaspiele für Mainz 05, schoss acht Tore und gab 19 Torvorlagen, bevor der brillante Fußballer 2006 zu Borussia Dortmund wechselte. Seine beiden Treffer zum ersten 05-Sieg in der Bundesliga waren sicherlich seine wichtigsten, hier könnt ihr Tore und Atmosphäre noch einmal im Video genießen.

Mit dieser Elf trat der FSV an

Wache - Nikolic (60. Abel), Friedrich, Bodog, Rose - Gerber, Babatz, Kramny - Niclas Weiland, Weber (82. Casey), Dworrak (43. da Silva)

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