Profis 10.09.2020 — 10:00 Uhr

Als Finke noch selbst drehte

Vor 30 Jahren gab's eine gemeinsame Zweitligasaison mit dem morgigen Pokalgegner: Havelse stieg ab - 05ER bester Aufsteiger

Havelse-Trainer Volker Finke 1990 mit seinem Mainzer Gegenüber Robert Jung. (©imago images/Rust)

Nur ein einziges Mal spielten die beiden Pokal-Kontrahenten bislang auf Augenhöhe in einer Liga. Der 1. FSV Mainz 05 und der TSV Havelse bestritten jeweils als Aufsteiger die Zweitligasaison 1990/91. Die Mainzer gewannen beide Duelle mit 2:1, beendeten die Saison als bester Neuling auf Platz acht. Der Klub aus dem Vorort von Hannover stieg am Ende in die Oberliga ab. Der Havelser Aufstiegstrainer allerdings macht Karriere im Profifußball: Volker Finke trainierte später 16 Jahre lang ohne Unterbrechung den SC Freiburg.

Zwar haben die 05ER mit dem Regionalligisten aus dem Norden bekanntlich das Heimrecht getauscht und empfangen den TSV nun am Freitagabend (20.45 Uhr) in der OPEL ARENA, dennoch richten wir an dieser Stelle einen nostalgischen Blick zurück auf den Besuch im heutigen Wilhelm-Langrehr-Stadion.

Die älteren unter den 05-Anhängern werden sich vielleicht erinnern an diesen zweiten Zweitligaaufstieg. Nach dem Abstieg im Jahr zuvor und einer Saison in der Oberliga führte Trainer Robert Jung (Spitzname: "der Pirmasenser Schulmeister") die Mannschaft als Titelgewinner nach oben. Zusammen mit den Havelsern, mit dem FC Schweinfurt und dem VfB Oldenburg als Aufsteigerquartett in einer 20er Liga. Vor dem Auswärtsspiel im Norden stand das 05-Team mit ausgeglichenem Punkteverhältnis von 11:11 (die Drei-Punkte-Regel gab's noch nicht) auf Platz zehn. Am zwölften Spieltag waren die Mainzer im kleinen Stadion an der Hannoverschen Straße im Stadtteil Garbsen zu Gast, das heute Wilhelm-Langrehr-Stadion heißt und seinerzeit noch ein für die neue Liga hergerichtetes Provisorium war. In den TV-Berichten dieser Zeit bestimmten im Übrigen immer die angrenzenden Wohnhäuser den optischen Hintergrund. 

Schuhmi und Becker

Die Gastgeber gingen kurz vor der Pause durch Nenad Bankovic in Führung. Das Team von Robert Jung drehte die Partie in der Schlussphase durch einen Treffer des heutigen Aufsichtsratmitglieds Michael Schuhmacher und dank des Siegtores von Mittelfeldspieler Micky Becker. Der hatte eine von Charly Mähn hereingebrachte und von Jürgen Klopp verlängerte Ecke aus kurzer Distanz ins Tor befördert. "Routiniert ausgetrickst", titelte die Mainzer Rhein-Zeitung anschließend.

Rückblick: Finke, Jung, Kuhnert & Klopp

In der Pressekonferenz saß anschließend ein frustrierter Finke, der sich mithilfe selbstgedrehter Zigaretten beruhigen musste. Der TSV-Coach sprach von einer "Summe an Unerfahrenheiten", die das gute und von spielerischen Aspekten geprägte Spiel seiner Mannschaft die Belohnung in Form von Punkten gekostet habe. Die Mainzer spielten vor allem nach der Pause routinierter und zielgerichteter. "Ein bärenstarker Libero Michael Müller, der nun zusammen mit seinen Manndeckern Frank Möller und Hendrik Weiß den Laden sauber hielt, ein spielfreudiger und glänzend aufgelegter Michael Schuhmacher, der zusammen mit dem immer anspielbaren Charly Mähn das Mainzer Spiel stetig nach vorne trieb, waren die ausschlaggebenden Personen für das Happyend", schrieb die MRZ. Das Blatt lobte zudem die "giftige und aggressive" Zweikampfführung von Olaf Kirn, Becker, Jürgen Klopp und Normann Klein.

Das Interessante damals: Beide Klubs waren Aufsteiger, beide in ihrer Landeshauptstadt zu Hause und beide Trainer waren im Hauptberuf Gymnasiallehrer. 05-Coach Jung unterrichtete noch bis zum Schuljahr 2008/09 am Leibnitz-Gymnasium Pirmasens Mathematik und Sport. Finke war bis 1990 Studienrat für Sport, Gemeinschaftskunde und Geschichte an der Albert-Schweitzer-Schule in Nienburg/Wese, außerdem noch lizenzierter Tischtennis-Übungsleiter. Ab 1990 wechselte der heute 72-Jährige komplett in den Profifußball.

In einem damals noch üblichen Vorschau-Gespräch per Telefon erzählte Finke der MRZ ausgiebig von seiner Fußball-Philosophie: Konsequentes Kurzpassspiel, immer ein Mann mehr in der Balleroberung und auch bei Ballbesitz. Eine Spielweise, die der Trainer später in Freiburg als Spielideal einführte. Passen, passen, Fußball spielen. Was aber auch in Havelse schon funktionierte und den Klub immerhin in die Zweitklassigkeit gebracht hatte. Finke vertrat bereits 1990 mit Innbrunst die Überzeugung, wenn diese Spielweise hier erfolgreich durchführbar sei, dann sicherlich auch bei einem großen Klub. Kurzpassspiel nicht als Selbstzweck, "sondern es ist deswegen gut und erfolgreich, weil man an jeder Stelle des Platzes versucht, sich freizuspielen für die eigentlich beschleunigende Situation. Darin liegt für mich die Schönheit dieses Systems - die kreative Lösung unter enormem zeitlichen wie räumlichen Druck", erklärte der Fußballlehrer seinerzeit.

Vater der Eggestein-Brüder

Im Team des TSV, der in jener Saison auch das Rückspiel am Bruchweg mit 1:2 verlor durch Tore von Klopp und Möller, gab es nur einen Spieler, der hier heute noch bekannt ist: Jens Todt spielte für Freiburg, Bremen und Stuttgart und wurde später Funktionär beim Hamburger SV. Der damalige TSV-Libero war ein Mann namens Karl Eggestein, dessen Söhne Maximilian und Johannes heute bei Werder Bremen spielen. Der TSV Havelse belegte in der vergangenen Saison, die wegen Corona vorzeitig abgebrochen wurde, Platz neun in der Regionalliga Nord. Mit einem 4:1-Erfolg im Landespokalfinale gegen den Ligakonkurrenten BSV SW Rheden qualifizierte sich die Mannschaft von Trainer Jan Zimmermann für das Duell in der ersten DFB-Hauptrunde gegen die 05ER, bei denen sie nun morgen Abend vor rund 1000 Zuschauern in der OPEL ARENA antreten werden.

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