Profis 06.05.2026 - 19:00 Uhr
Tietz: "Man hat gesehen, wie viel das allen bedeutet"
Der Mainzer Mittelstürmer brachte den FSV auf St. Pauli mit seinem Führungstor auf die Siegerstraße. Sportlich, aber auch als Typ geht er stets voran

Abgeschlagener Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga waren die 05ER, als Phillip Tietz Anfang Januar nach Mainz wechselte. Es folgte ein starkes Halbjahr und damit verbunden eine sensationelle Aufholjagd. Am vergangenen Sonntag feierte der FSV nach dem Sieg beim FC St. Pauli vorzeitig den Klassenerhalt. Mit seinem Führungstreffer und einer insgesamt starken Leistung hatte Tietz einen großen Anteil daran. Der Mittelstürmer spricht im Interview über die gebührenden Feierlichkeiten, das vergangene Halbjahr, seine persönliche Bilanz und das besondere Verhältnis zu den Fans.
Hallo Phillip, mit dem Sieg beim FC St. Pauli habt ihr euch vorzeitig den Klassenerhalt gesichert. Habt ihr diesen Erfolg gebührend gefeiert?
"Die Feier war auf jeden Fall intensiv. Nach dem Abpfiff ging es auf dem Platz los, in der Kabine, am Flughafen, im Flugzeug, im Bus und in Mainz bis in die Nacht weiter. Aber ich glaube, das hatten wir uns redlich verdient. Da ist sehr viel Druck von uns abgefallen und das gehört dann auch dazu. Aber wir hatten zwei Tage Zeit, uns ausgiebig zu erholen."
Was hat euch als Mannschaft in diesem Halbjahr auf, aber auch neben dem Platz ausgezeichnet?
"Ich kann ehrlicherweise gar nicht verstehen, wie das in der Hinrunde passieren konnte. Die Mannschaft hat eine sehr hohe Qualität und ist dazu menschlich überragend. Wir ziehen alle an einem Strang und fungieren als Team. Dazu kommt das Trainerteam, der ganze Staff, alle haben überragend zusammengearbeitet. Ich empfinde diese Gemeinschaft wie eine kleine Familie. Man hat in den Gesichtern gesehen, wie viel das allen bedeutet, es drei Spieltage vor Schluss endlich geschafft zu haben. Uns wurde erst richtig bewusst, dass wir ein überragendes Halbjahr gespielt haben. Darauf kann man definitiv stolz sein."
War das Spiel auf St. Pauli leistungsmäßig ein Spiegelbild dieses Halbjahres?
"Ja, daran haben vor allem unser Coach Urs Fischer und sein Trainerteam einen sehr großen Anteil. Wir müssen ihnen einen großen Dank aussprechen. Man hat sofort die Handschrift des Trainers gesehen. Er hat uns seine Vorstellungen so beigebracht, dass wir sie schnell verstehen und umsetzen können. Deswegen hat es so gut funktioniert. Jeder weiß auf dem Platz, was er zu tun hat, weil das Trainerteam kontinuierlich und akribisch mit uns daran arbeitet."

"Urs Fischer ist der beste Trainer, den ich jemals hatte"
Als du Mainz unterschrieben hast, waren wir Tabellenletzter. Warum warst du dir damals so sicher, dass Mainz 05 der richtige Ort für dich ist?
"Ich bin ein Mensch, der oftmals aus dem Bauch heraus entscheidet. Dieses Gefühl war sehr gut und ich hatte direkt große Lust, hierher zu kommen. Von der Qualität des Kaders war ich überzeugt. Es war eine Frage der Zeit, bis der Knoten platzt. Mit Urs Fischer war außerdem ein neuer Trainer da, der aus meiner Sicht eine Legende in der Bundesliga ist, den man kennt und der eine super Arbeit leistet. Mittlerweile kann ich sagen, dass er der beste Trainer ist, den ich jemals hatte."
Als Hoffnungsträger für den Sturm lag auch ein gewisser Druck auf deiner Person. Liegt dir das?
"Ich bin mittlerweile zehn Jahre im Profigeschäft und weiß, um was es geht. Deswegen kann ich damit vielleicht besser umgehen als jemand, der noch jünger ist. Aber mir war bewusst, welchen Schritt ich gehe und wie die Erwartungshaltung ist. Ich habe versucht, das auszublenden. Ich bin vielleicht ein positiv verrückter Typ, der sich schnell integrieren kann, aber trotzdem muss man der Mannschaft ein Kompliment aussprechen, die mich seit dem ersten Tag hier super aufgenommen hat. Da konnte ich schnell so sein, wie ich bin."
Wie zufrieden bist du mit deiner bisherigen persönlichen Bilanz in Mainz mit vier Toren und drei Vorlagen?
"Ehrlich gesagt, bin ich nicht ganz zufrieden. Ich hätte locker noch zwei, drei Tore mehr schießen können. Vielleicht lag es an dem halben Jahr davor, wo ich fast gar nicht gespielt habe. Positiv ist, dass ich zu meinen Chancen komme. Aber ich weiß auch, dass ich mehr Tore schießen kann und habe das Gefühl, so langsam komme ich in die Spur zurück. Es macht aber auch Spaß, wenn ich keine Tore schieße und einfach der Mannschaft helfen kann. Ich freue mich auf jedes einzelne Spiel, weil ich Bock habe. Tore werden sicherlich noch einige kommen."
Der Trainer und deine Mitspieler messen deinen Wert für das Team aber sicherlich nicht nur an den Toren.
"Alle haben viel mit mir gesprochen. Ich bin sehr akribisch in dieser Hinsicht, weiß aber auch, dass es nicht nur darauf ankommt, Tore zu schießen. Es geht darum, mannschaftsdienlich zu sein und sich in jeden Ball reinzuhauen. Eine meiner Stärken ist, die Bälle zu verlängern und festzumachen. Ich habe auch einen guten Überblick, um meine Mitspieler in Szene zu setzen. Wichtig ist, dass wir unsere Spiele gewinnen. Wenn ich dann mit der Mannschaft helfen kann, indem ich jeden Ball vorne festmache oder verlängere oder eine Vorlage gebe oder einen Pre-Assist gebe, dann ist das für mich auch genug, wenn wir am Ende Punkte holen. Wenn ich dazu noch ein Tor beisteuern kann, umso schöner."

"Wir geben auch alles in den 90 Minuten, aber bei den Fans steckt so viel mehr dahinter"
War das Spiel am vergangenen Sonntag eine deiner stärksten Leistungen im vergangenen Halbjahr?
"Wenn ich alle Partien Revue passieren lasse, würde ich ja sagen. Das Spiel in Hoffenheim mit einem Doppelpack war auch cool. St. Pauli mit dem Sieg am Millerntor, dem Klassenerhalt und meiner persönlichen Leistung, das war ein besonderes Gesamtpaket."
Du hast nicht nur sportlich deinen Wert bewiesen, sondern bist auch als Typ vorangegangen, interagierst mit den Fans und betonst gerne den Wert ihrer Unterstützung. Warum ist dir das wichtig?
"Für mich gehört dazu, dass man jeden Menschen respektvoll behandelt, dass man sich beispielsweise grüßt. Das sind elementare Tugenden, die ich gelernt habe und die man aus meiner Sicht mitbringen sollte. Die Fans opfern so viel Zeit und nehmen sich auch Urlaub, um ein Conference-League-Spiel zu sehen. Sie reisen sechs Stunden mit dem Zug an, stehen um vier Uhr morgens auf. Klar, das ist auch eine geile Gemeinschaft, aber sie machen es letztendlich für uns und den Verein. Ich glaube, man sollte immer ein Auge auf die Fans haben und wissen, was sie alles leisten. Die stehen oder sitzen auf der Tribüne, sind laut und wollen einfach nur, dass wir gewinnen. Wir geben auch alles in den 90 Minuten, aber bei den Fans steckt so viel mehr dahinter. Deswegen gehe ich da gerne in den Austausch und möchte das auch zurückgeben mit Siegen, aber auch mit Worten."
Du hast auch deine ersten internationalen Erfahrungen gemacht mit Mainz 05. Wie war das für dich?
"Das waren unglaubliche Erlebnisse. Bei meinem Wechsel habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht, dass Mainz 05 Conference League spielt. Das wurde mir erst im Nachhinein richtig bewusst. Ich hätte nie gedacht, dass ich in meiner Karriere nochmal international spielen darf. Deshalb bin ich sehr dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte und meinen Kindern irgendwann davon erzählen kann. Ein sehr, sehr schönes Gefühl."
Das letzte Heimspiel der Saison steht an. Was erwartest du gegen Union?
"Es geht vor allem darum, den Fans nochmal mit einem Sieg Danke zu sagen. Wir werden alles daransetzen, drei Punkte zu holen und das letzte Heimspiel positiv zu bestreiten, um danach zusammen feiern zu können. Wir haben noch zwei Spiele und die wollen wir beide gewinnen."
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